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Hier finden Sie die aktuelle Ausgabe des "Blickpunkt", des Mitteilungsblattes unserer Gemeinde.


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Wort unseres Bischofs

Unzufriedene Rückkehrer

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

  Viele der Urlauber sind schon wieder da. Mit frischer Kraft stürzen sie sich in den Alltag und die Arbeit. Wirklich? Waren sie denn wirklich erholsam, die vielbeschworenen „schönsten Wochen des Jahres“?

  Der Starnberger Studienkreis für Tourismus fand bereits vor gut 20 Jahren heraus, dass das Lager derer, die ihren Urlaub als ziemlich mittelmäßig erlebten, sich glatt verdoppelt hatte. Gründe werden nicht genannt. War etwa die tröpfelnde Dusche im Hotelzimmer schuld, der Baulärm von gegenüber oder die schlechte Speisekarte im Restaurant? Nein, der Verdacht ist ein anderer: Immer mehr sind einfach nicht reisefähig. Sie sind zwar reif für den Urlaub, aber nicht reif, ihn dann auch zu genießen und die Chance zu nutzen. Sie fahren mit Totalforderung und Riesenerwartung. Enttäuscht kommen sie wieder, da sie in Täuschung abgefahren sind.

 Den Alltag wollen wir hinter uns lassen, den eintönigen und grauen, der das Gefühl vermittelt, eigentlich aus zweiter Hand zu leben, nicht das zu sein, was wir sein könnten. Für kurze Zeit als „König Gast“ auftreten und auch als solcher behandelt werden, das wäre was. Unser Wort „Ferien“ stammt schließlich vom lateinischen „feria“, was Feier und Fest bedeutet.

 Und dann kehren wir zurück aus dem Land unserer Maximalforderungen und wenig von alledem ist Wirklichkeit geworden. Wir haben uns weder selbst verwirklicht, was immer das auch heißen mag, noch etwas Tiefes und Ursprüngliches gefunden. Nicht wenige Gesichter heimgekehrter Urlauber sprechen da in diesen Tagen Bände.

 Einem anonymen Fragebogen würde man den Frust ja noch anvertrauen, aber den Freunden, der Verwandtschaft, den Kollegen? Nein, selbstverständlich war der Urlaub großartig, schließlich haben wir lange genug darauf hingelebt, gespart und geplant.

 Paul Rieger, Theologe und Psychologe, Gründer des Starnberger Studienkreises für Touristik, weiß aus Erfahrung: „Das Seltsame ist, dass zerplatzte Illusionen praktisch nicht auf andere weiterwirken. Man behält sie für sich, verdeckt im eigenen Innern.“

 Genug der Beschreibung! Ich frage mich, ob es wohl eine kurze Anregung gibt, die unzufriedenen Rückkehrern, die ihre Urlaubszeit überfordert haben, helfen könnte?

 Ich denke an ein Relief aus Griechenland, das den Gott Kairos, den Gott des Augenblicks, darstellt als jungen Mann, der auf den Zehenspitzen läuft, Flügel an den Fersen hat, ein Messer in der ausgestreckten Hand hält und, während ihm die Haare ins Gesicht fallen, ist sein Hinterkopf kahlgeschoren. Es gibt zu diesem Götterbild ein Gespräch eines griechischen Dichters, das er mit dem Gott des Augenblicks über sein Bildnis führt. Er fragt ihn: Warum gehst du auf Zehenspitzen? Weil ich nie länger als einen Augenblick lang die Erde berühren kann. Warum trägst du Flügel an den Fersen? Weil ich schneller bin als der Wind. Warum trägst du ein Messer in der Hand? Weil ich spitzer bin als die Spitze eines Messers. Warum hängen dir deine Haare ins Gesicht? Damit jeder, der mir begegnet, mich beim Schopfe fassen kann. Und warum ist dein Schädel kahlgeschoren? Damit niemand, an dem ich vorbei bin, mich festhalten kann.

 Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und mir, dass wir es lernen, jede kleine Möglichkeit, auch die des heutigen Tages, „beim Schopfe zu fassen“, nicht laufend Maximalforderungen zu stellen, dankbar zu werden für all die „kleinen“ Erfüllungen.

 

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Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

vom 13. August 2017.


Diakon als „Auge der Kirche“

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

In einer vermutlich im 5. Jahrhundert entstandenen syrischen Kirchenordnung heißt es: „Der Diakon wird das Auge der Kirche sein“. In diesem schönen Wort spiegelt sich der hohe Anspruch wider, den die frühe Kirche an den Diakon stellte. Es ist auch heute des Nachdenkens wert, zumal am kommenden Samstag, 6. Mai, im Fuldaer Dom vier Kandidaten zu Diakonen geweiht werden.

Das Bild vom „Auge der Kirche“ muss nicht groß erläutert werden. Es spricht für sich und erklärt sich durch zahlreiche Redewendungen. Ich denke da an Redensarten wie: „Mit offenen Augen durch die Welt gehen, Augen für etwas haben, ein Auge auf etwas werfen, nicht aus den Augen verlieren“.

Eine Kirche, die gelernt hat, sich als „Sakrament“, d. h. „als Zeichen und Werkzeug“ Gottes für die Welt zu verstehen, wird wachen Auges auf eben diese Welt und die Menschen in ihr blicken. Sie wird auf die Nöte der Menschen achten und ihnen zur Hilfe kommen, wo immer und wie immer es ihr möglich ist. Das ist die diakonale Aufgabe unserer Kirche, die - im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) programmatisch formuliert - Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute teilen will.

Auf solchem Hintergrund muss man das Amt des Diakons sehen. Der Diakon soll in seiner Person das „Auge der Kirche“ verkörpern. Er muss einen Blick haben, ein Gespür entwickeln für die materiellen, geistigen und geistlichen Nöte der Menschen und diese in der Kirche zu Gehör und zum Bewusstsein bringen. Damit versucht er, der im Kapitel 29 der Dogmatischen Konstitution über die Kirche gestellten Aufgabe der „Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Nächstenliebe“ zu entsprechen.

Mehr noch: der Diakon hat den Auftrag, den diakonalen Dienst der Kirche dort einzuklagen, wo er hinter wenn auch noch so richtigen Worten und Lehren, hinter noch so erhabenen, aber konsequenzenlosen Liturgien in Vergessenheit zu geraten droht.

Augen sind wie ein Buch. An ihnen kann man eine Menge ablesen: Jemand hat ehrliche, leuchtende, offene, wohlwollende, gütige Augen. Aus den Augen eines Menschen lässt sich ersehen, wie ernst er es meint.

Wenn sich die Kirche als diakonale Kirche versteht, darf dies nicht nur in Grundsatzerklärungen ausgesprochen, sondern muss von ihr in konkreter Münze eingelöst werden. Wenn der Diakon „Auge der Kirche“ ist, muss in diesem Auge auch der Glaube an das erlösende und befreiende Tun Jesu Christi aufleuchten. Infolgedessen sollen die Diakone, wie es im Direktorium (1998) für den Dienst und das Leben der Diakone heißt, im Dienst der Nächstenliebe „die Gleichgestaltung mit Christus, dem Gottesknecht, anstreben, den sie repräsentieren“.

„Repräsentieren“ heißt: gegenwärtig machen, darstellen, keinesfalls aber herstellen.

Das müssen wir uns immer wieder klarmachen: Das Entscheidende können wir nicht herstellen. Wir können Jesus Christus nicht herstellen, allenfalls darstellen. Wir können bestenfalls den Vorgang, dass ER sich uns erlösend mitteilt, zur Darstellung bringen: in Diakonie, Liturgie, Katechese verleiblichen.

Vielleicht kann uns ein Bild hilfreich sein, das der hl. Bernhard von Clairvaux gebraucht hat, um die Existenz geistlicher Menschen zu deuten. Er vergleicht deren Existenz mit einer Muschel und einer Röhre.

Muschel bedeutet: Der geistliche Mensch muss ganz Ohr sein, muss gesammelt leben, denn er kann nichts weitergeben, wenn er nichts gesammelt hat.

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass da heute manches im Argen liegt. Ich weiß, dass manche geistliche Berufskrise hier ihren Ausgangspunkt hat.

Röhre bedeutet: Der geistliche Mensch ist Vermittler. Alles, was er erhält, muss er weitergeben. Gilt schon von jedem und jeder Getauften, dass er oder sie nicht Christ sein kann für sich selber, sondern nur mit anderen und für andere, so erst recht von dem, der aus dem Dienst der Vermittlung einen Beruf gemacht hat.

Muschel und Röhre: Nie darf der Diakon oder Priester nur Röhre sein, ausgegossen, veräußerlicht, nur funktionierendes Vermittlerglied. Nie darf er aber auch nur Muschel sein, in sich selbst verschlossen, introvertiert. Beides zusammen in Balance ergibt erst den, den eine Gemeinde und die ganze Kirche brauchen.


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Vorstehender Beitrag erschien als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“
vom 07. Mai 2017. 


Gott am Kreuz

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

 

Der Anfang Juli letzten Jahres gestorbene jüdische Schriftsteller Elie Wiesel war während der Zeit des Nationalsozialismus als Jugendlicher zusammen mit seinem Vater im KZ Buna inhaftiert. In seiner Erzählung „Die Nacht“ schreibt er sich folgendes Erlebnis in diesem Lager von der Seele:

 

Eines Tages flog die Elektrozentrale von Buna in die Luft. An Ort und Stelle gerufen, schloss die Gestapo auf Sabotage. Man fand eine Fährte, die in den Block des holländischen Oberkapos führte. Dort entdeckte man nach einer Durchsuchung eine Menge Waffen. Der Oberkapo wurde auf der Stelle festgenommen und wochenlang gefoltert. Umsonst. Er gab keinen Namen preis, wurde nach Auschwitz überführt und war fortan verschollen. Aber sein Gehilfe im Kindesalter blieb im Lager. Gleichfalls gefoltert, blieb auch er stumm. Die SS verurteilte ihn daher zusammen mit zwei anderen Häftlingen zum Tode.

 

„Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appellplatz drei Galgen. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen, die übliche Zeremonie. Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter der kleine Junge. Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich: Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz.

 

Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlingen eingeführt: „Es lebe die Freiheit!“ riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg.

 

„Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir. Auf Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle unter dem Galgen um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter.

 

„Mützen ab!“ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. „Mützen auf!“ Dann begann der befohlene Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre geschwollenen Zungen hingen bläulich heraus. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: Der Junge lebte noch…

 

Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen seinen Todeskampf. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorüberschritt. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: „Wo ist Gott?“ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: „Wo er ist? Dort, dort hängt er, am Galgen…“

 

Die Frage des unbekannten Häftlings aus dem Vernichtungslager Buna „Wo ist Gott?“ dröhnt fort durch die Geschichte. Sie wird immer wieder neu gestellt, neu geschrien, wo Menschen übermäßig, wo sie unschuldig leiden. In Kriegen, bei Katastrophen, in schlimmen persönlichen Schicksalsschlägen. „Wo ist Gott?“ Vielleicht haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Frage auch schon gestellt, angstvoll oder zornig, ratlos und stumm, unter Tränen, beim Leiden und Sterben nahestehender Menschen: „Wo bist du, Gott, wenn ich so elend dran bin?“

 

Es ist eine ganz menschliche Frage, und es ist eine zutiefst menschliche Erfahrung, dass Gott zuweilen nicht mehr zu spüren ist, dass seine Macht verschwindet in der Ohnmacht der Leidenden und dass seine Liebe verschwindet hinter dem Hass und dem Unrecht, zu dem Menschen fähig sind. Es ist dies auch die massivste Anfechtung für unseren Glauben.

 

Jesus selbst ist diese Frage nicht erspart geblieben. In der bittersten Not seines Lebens, in seiner Sterbestunde am Kreuz, so bezeugt es das Markus-Evangelium, aus dem wir am morgigen Palmsonntag die Leidensgeschichte hören, schreit Jesus diese Frage laut heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

 

„Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: Dort, dort hängt er am Galgen“, so schreibt Elie Wiesel. In der inneren Verarbeitung der furchtbaren Situation dämmert ihm etwas: Im maßlosen Leiden dieses Kindes am Galgen leidet in maßloser Weise Gott selber mit. In der tiefen Not läuft Gott nicht davon und überlässt Menschen nicht einsam ihrem Schicksal; er leidet mit in unbegreiflicher Solidarität.

 

Am Kreuz Jesu kann es uns dämmern: Wir brauchen nicht an einen Gott zu glauben, der sich vor unserem Elend davonmacht. Wir dürfen uns einem Gott anvertrauen, der in seiner maßlosen Liebe zu uns maßlos leidensfähig ist.

 

Das ist eine provozierende Botschaft, eine über unsere Augen und Ohren hinaus, doch es ist eine verlässliche. Sie ist abgesichert durch Jesu Schicksal am Karfreitag und durch seine Auferstehung.

 

„Wo ist Gott?“ – „Dort, dort hängt er, am Galgen.“ Das Kreuz ist die Bedingung der Möglichkeit unserer Hoffnung. Wenn uns das in den nächsten Tagen der Karwoche wieder bewusst wird, können wir begründet Ostern feiern.


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Vorstehender Beitrag erschien als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“
vom 09. April 2017.


Vom Ende der Nacht

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

 

„Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?“ (Jes 21,11), das ist ein Hilferuf des Propheten Jesaja aus lang zurückliegender Zeit. Ein Ruf, der durch die Jahrhunderte hindurch zum Himmel dringt, auch heute. Wann endlich endet die Nacht der Bosheit und Gemeinheit, von Terror, Gewalt und Krieg? Wo denn zeigt sich ein Silberstreif am Horizont?

 

Jesaja sieht sich mit der Ungeduld der Geängstigten und Verzweifelten konfrontiert und muss doch zugleich die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Elends dämpfen. Er weiß nicht, wie lange die Nacht der Bedrängnis noch dauern wird. Der Prophet hat anzusagen, was er sieht, nicht was er erhofft. Aber er kann andeuten, wo sich ein Weg aus der Nacht zeigt, und wer es ist, der sein Volk einem neuen Morgen entgegenführt. Und so ist die Bitte an Gott, er möge dem Bösen ein Ende setzen, eine logische Konsequenz.

 

Mir stehen die zerbombten Städte in Syrien und im Irak vor Augen, die gesprengten Tempel in Nimrod und Palmyra ─ Weltkulturerbe und „Wiege der Menschheit“. Vor allem aber denke ich an Menschen, die vor der Brutalität und Grausamkeit des „IS“ und der anderen islamistischen Terrormilizen geflohen sind und oft auch Angehörige und Freunde dort verloren haben. „Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?“, die Nacht des Mordens, der Zerstörung und Verzweiflung? Auch wenn keiner vorhersagen kann, wie lange das Wüten noch dauert: Es ist wichtig, dass es solche „Wächter“ gibt, die inmitten der Zerstörung aushalten, in all dem Chaos und Leid, in der Ungewissheit, was der morgige Tag bringen wird. „Wächter“ eben, die auch in bedrängter Zeit tiefer sehen und in der Schwärze der Nacht bereits den Silberstreif des Morgens erkennen können.

 

„Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?“, diese bange Frage schwingt auch heute mit, im Nahen und Mittleren Osten und ebenso in Europa. Die Attentate in Paris, Brüssel und Berlin, die Hass-Tiraden im Internet und auf den Straßen, die Bilder von geretteten und ertrunkenen Flüchtlingen: über all den Gräueln erhebt sich eindringlich der Schrei „So kann und darf es nicht weitergehen!“

 

Und tatsächlich, es gibt sie, diese Wächter der Hoffnung, auch heute und mitten unter uns. Antoine, ein Journalist in Paris, ist so jemand. Seine Frau Hélène ist bei dem Attentat von Bataclan ums Leben gekommen. Zwei Tage später wendet er sich auf Facebook direkt an die Attentäter von Paris und schreibt: „Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Menschen geraubt, der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes. Aber meinen Hass bekommt ihr nicht… Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben…“


Das sind Worte des Friedens gegen das Dunkel der Nacht. Sie haben sich wie ein Lauffeuer verbreitet, millionenfach. Worte der Hoffnung, die nachdenklich stimmen und Anstoß sind für die beginnende österliche Bußzeit.

 

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Vorstehender Beitrag erschien als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“
vom 05. März 2017.


Schöne neue Welt

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Dieser Tage erinnerte ich mich eines Romans, der mich vor Jahren, in der Oberstufe des Gymnasiums, lange und nachhaltig beschäftigte. Aldous Huxley erzählt da von einer zukünftigen Welt, in der es nach der „Normung des Menschenmaterials“ keine Wünsche mehr gibt, dafür ein hergestelltes völliges physisches und ökonomisches Wohlbefinden herrscht. Doch all die Apparate, Organisationen und Medikamente, die das uneingeschränkte irdische Glück sichern sollen, haben den Geist getötet und die Vergangenheit ausgerottet: Gottesglaube, Liebe zur Natur, zum Menschen, zur Kunst und Dichtung, zur Wahrheit und Freiheit. Plötzlich tritt in diese genormte Zivilisation ein ursprünglicher Mensch. Er liebt, fragt nach Sinn und kämpft. An seinem verzweifelten Aufschrei „Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, will Poesie und Freiheit und Tugend!“ wird das Grauenhafte dieser „schönen neuen Welt“ deutlich.


Was mich zur Erinnerung brachte, war die beklemmende Nachricht, einer amerikanischen Forschergruppe sei es vor einiger Zeit „gelungen“, menschliche Embryonen zu Zwillingen und Drillingen zu klonen. Aus siebzehn Embryonen wurden im Reagenzglas eine größere Zahl von Geschwistern „gezeugt“ – eines die identische Kopie des anderen.

 

Nun wissen wir, was wir schon länger befürchtet hatten, aber dann eigentliche nicht für vorstellbar hielten: Es ist eben doch alles möglich! Nicht nur das Klonen, vielmehr das menschliche Leben in seiner Ganzheit steht zur Disposition. Auch der Ungläubige in der heutigen indifferenten Gesellschaft beginnt zu spüren, dass eine neue Dimension erreicht ist. Menschen glauben, weil technisch machbar, die Macht zu haben, Menschen zu vervielfachen, nach Belieben einzufrieren und willkürlich später in die weitere Entwicklung zu schicken – oder auch nicht. Sie spielen Herr über Leben und Tod.

 

Max Frisch hat uns in seinem „Homo faber“ die vollkommene Verkörperung der technischen Existenz gezeigt. Dem Ingenieur Walter Faber ist alles machbar, alles im rational zementierten Weltbild begründbar: „Als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen… Ich brauche weder Gott noch Mystik; Mathematik genügt mir.“

 

Der Typus Mensch, den Max Frisch Ende der siebziger Jahre beschrieb, ist heutzutage verbreitet. Uns umgibt ein Machbarkeits-Größenwahn. Die Worte „Machen“ und „Wegmachen“, immer häufiger ausgesprochen, offenbaren eine gefährliche Entwicklung und das Fehlen der grundsätzlichen Übereinkunft an Werten, die nur in religiöser Verankerung plausibel sind.


Ob Lebensende oder Lebensanfang, ob sogenannte aktive Sterbehilfe oder Tötung ungeborener Menschen: In allem erscheint die Maske des vom Schöpfer emanzipierten und sich zum Herrscher über Leben und Tod aufschwingenden Geschöpfes, das seine Geschöpflichkeit verleugnet.


Darf ich alles, was ich kann? Muss ich in Selbstbescheidung Grenzen wahren, die zu überschreiten Verderben bringen? Das sind zunehmend Überlebensfragen. Im Jahre 1989 stellten die katholische deutsche Bischofskonferenz und die evangelische Kirche in Deutschland in der leider zu wenig beachteten gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens – Herausforderungen und Aufgaben beim Schutz des Lebens“ in einer damals einträchtigen ökumenischen Aktion fest: „Menschliches Leben ist in seiner Würde nur dann geschützt und gesichert, wenn grundsätzlich jede Möglichkeit verfügender Manipulation ausgeschlossen ist“ (Seite 63). Diese ethische Grundentscheidung ist maßgebend für die Beurteilung der Angriffe gegen die Würde des Menschen, nicht nur beim Klonen von Embryonen, sondern überhaupt.

   

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Vorstehender Beitrag erschien als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“
vom 26. Februar 2017. 


Dem Leben neuen Sinn geben

Am Aschermittwoch beginnt die vierzigtägige Fastenzeit

 

Fulda/Hanau/Kassel/Marburg (bpf). Am Aschermittwoch – in diesem Jahr am 1. März – beginnt die vierzigtägige Fastenzeit, mit der sich katholische Christen auf das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten (Ostern) vorbereiten. Zum Beginn dieser „österlichen Bußzeit“ wird nach alter Tradition den Gottesdienstbesuchern als äußeres Zeichen der Bußgesinnung das Aschenkreuz aufgelegt.

 

Seinen Namen hat der „Aschermittwoch“ von der Praxis öffentlicher Buße, wie sie die Kirche einstmals kannte: Die Büßer legten ein Bußgewand an und wurden mit Asche bestreut. Schon in der Antike und im Alten Testament war Asche Symbol der Nichtigkeit und Vergänglichkeit. Im 10. Jahrhundert entfiel dann die öffentliche Kirchenbuße. Was blieb, war der Ritus der Aschenbestreuung. Etwa seit Ende des 11. Jahrhunderts wurde dazu die Asche der im Vorjahr am Palmsonntag benutzten Palmzweige verwandt.

 

Bis zum heutigen Tag lassen sich katholische Christen im Aschermittwoch-Gottesdienst mit Asche ein Kreuz auf die Stirn zeichnen – sichtbares Zeichen für die Vergänglichkeit allen Lebens: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehrst.“ Der Aschermittwoch ist neben dem Karfreitag heute auch der einzige vorgeschriebene strenge Fast- und Abstinenztag in der katholischen Kirche. An ihm soll sich der Gläubige gemäß der kirchlichen Bußpraxis nur einmal satt essen und auf Fleischspeisen verzichten.

 

In der Fastenzeit lädt die Kirche alle Gläubigen ein, sich durch Buße und Umkehr auf die Feier des Todes und der Auferstehung Christi vorzubereiten. Bereits das Konzil von Nicäa (325) kannte eine vierzigtägige Vorbereitungszeit auf das Fest der Auferweckung Jesu von den Toten. Vorbild hierfür war Jesus selbst, der nach der Taufe im Jordan 40 Tage auf Nahrung verzichtete, wie die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten.

 

Ursprünglich stand nicht der Aschermittwoch, sondern der sechste Sonntag vor Ostern am Anfang der „Quadragesima“. Doch die Kirche konnte sich den Sonntag nur als Festtag vorstellen, an dem man folglich auch nicht fastete. So wurde offenbar schon im sechsten oder siebten Jahrhundert der Beginn der Fastenzeit vom sechsten Sonntag vor Ostern auf den vorhergehenden Mittwoch festgelegt. Die 40 Tage waren damit gewahrt. Sie spielen schon im Alten Testament eine große Rolle: Vierzig Tage verbrachte Mose auf dem Berg, um Gottes Gebote entgegenzunehmen. Vierzig Tage wanderte Elia fastend und betend durch die Wüste, bis er am Horeb Gott in geheimnisvoller Weise erfahren durfte.

 

Viele Christen beginnen am Aschermittwoch zeichenhaft und ganz bewusst ihre „Fastenzeit“, indem sie sich beispielsweise in freier Entscheidung vornehmen, bis Ostern auf Alkohol, Rauchen oder Süßigkeiten zu verzichten. In ihren Weisungen zur kirchlichen Bußpraxis unterstreichen die deutschen Bischöfe ausdrücklich den Sinn eines solchen besonderen persönlichen Fastenopfers. Sie sehen die Bedeutung der Fastenzeit darin, sich selbst und den eigenen Lebensstil so zu ändern, „dass durch Besinnung und Gebet, heilsamen Verzicht und neue Sorge füreinander, Christus wieder mehr Raum in unserem Leben gewinnt“. Die Bischöfe heben besonders Wert und Zeugnis des gemeinsamen Freitagsopfers hervor, das verschiedene Formen annehmen könne: Verzicht auf Fleischspeisen, der nach wie vor sinnvoll und angemessen sei, spürbare Einschränkung im Konsum, besonders bei Genussmitteln, Dienste und Hilfeleistungen für den Nächsten. Durch Fasten, Gebet, Umkehr und Buße sollen die Christen ihrem Leben neuen Sinn geben. Nicht zuletzt laden die Bischöfe zum Empfang des Bußsakramentes ein.  


Christlicher Glaube hat Wertewelt des Landes geprägt

Bischof Algermissen in ökumenischem Gottesdienst anlässlich „70 Jahre Hessen“

 

Wiesbaden/Fulda (bpf). „Unser Glaube, unsere Beziehung zu Jesus Christus und seinem Evangelium mit politischen Konsequenzen prägte die Wertewelt dieses Landes. Bei allem Streit, in Krisen und Konflikten ist die Hoffnung auf Versöhnung und Vergebung nie aufgegeben worden.“ Dies rief der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen am Donnerstag in Wiesbaden in Erinnerung. In einem ökumenischen Gottesdienst zum 70. Jahrestag der Gründung des Landes Hessen, den der Oberhirte gemeinsam mit dem evangelischen Bischof Dr. Martin Hein (Kassel) feierte, betonte Algermissen, es sei Aufgabe der Christen, den Menschen, die Halt und Vertrauen verloren hätten, Hoffnungsbilder heilend zu vermitteln. „Auf dem Weg in die Zukunft unseres Landes Hessen bedürfen wir solcher Bilder, um angesichts der Daseinskrisen von Leiden und Sterben, von Ohnmacht und Ausgeliefertsein die nächsten notwendigen Schritte zu tun“, unterstrich der Bischof und wünschte den politisch Verantwortlichen des Landes Gottes Segen.

 

Die Botschaft von der Hoffnung, die auf Gottes Liebe zu den Menschen beruht, treffe in unserer Gesellschaft auf Menschen, die ihrerseits suchend und fragend oder auch kategorisch jedweder Botschaft ablehnend gegenüberstünden. Laut dem Kasseler Soziologen Heinz Bude seien die Menschen in der deutschen Gesellschaft von vielfältigen Ängsten umgetrieben. Dieses Grundgefühl der Angst und Hoffnungslosigkeit sei ausgerechnet das die Gesellschaft verbindende Gefühl. „Angst aber bedeutet Sinnverlust“, hob Bischof Algermissen hervor. „Dieser Befund macht mich unruhig und offenbart, dass unser Land Hessen sein achtes Jahrzehnt in turbulenten Zeiten beginnt.“ Daraus erwachse die Verpflichtung für Christen, Zeugen für eine lebensbestimmende Hoffnung zu sein, „die keine Illusion ist und keine billige Vertröstung“.


Zu Beginn seiner Ansprache hatte Algermissen an die bedeutende Rede erinnert, die der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani als Dank für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 18. Oktober 2015 in der Frankfurter Paulskirche gehalten hatte, und sie als „ein berührendes, gar erschütterndes Zeugnis für den Dialog der Kulturen und Religionen“ gewürdigt. Darin sei eine scharfsinnige Analyse über die kulturprägende Kraft der Religion enthalten. Am Ende der Rede kam Kermanis Bitte, nicht zu applaudieren, sondern aufzustehen und still für einen ihm bekannten Priester und dessen Gemeinde zu beten, die von islamischen Terroristen in Syrien entführt worden waren. „Da steht doch tatsächlich ein gläubiger Muslim am Rednerpult und betet still in sich gekehrt. Und die versammelte ehrenwerte Gesellschaft war höchst irritiert und erhob sich nur zögerlich bis peinlich berührt von den Plätzen.“ Fast verschämt und nur nebenbei hätten die Fernsehnachrichten, die sonst Nebensächliches minutenlang hoch inszenieren könnten, diese berührende Handlung gezeigt. Dieses entlarvende Bild, habe bei ihm Fragen ausgelöst, so der Bischof: „Wie weit haben wir die Religion bereits aus der Öffentlichkeit vertrieben? Haben die Menschen in dieser Gesellschaft die Sensibilität dafür verloren, dass Gebete die expressivste Möglichkeit sind, die menschliche Existenz in Worte zu fassen, wenn in einer sonst geschwätzigen Welt alle Worte versagen? Gibt es noch die verbindende Kraft einer gemeinsamen Hoffnung, die mehr ist als Optimismus?“

 

Wenn man an diesem 1. Dezember zurückblicke auf die sieben Jahrzehnte des Landes Hessen, dürfe man für vieles dankbar sein, fuhr Algermissen fort. „Am stärksten berührt mich die Tatsache, dass uns 70 Jahre ohne Krieg geschenkt wurden, zumal am Anfang dieser Jahre die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs stand.“ Sozusagen aus dessen Folge sei Hessen als erstes Bundesland der noch nicht gegründeten Bundesrepublik hervorgegangen. Es konnte eine Verfassung erarbeitet und am 1. Dezember 1946 verabschiedet werden. Der Rückblick führe in deutender Rückschau zur Einsicht, dass Zukunft Herkunft braucht. „Und wenn das so ist, dann doch wohl auch begründete Hoffnung auf Zukunft – ohne sie ginge es uns wie einer Lunge ohne Sauerstoff.“


Wie geht Bibel?

Ökumenische Vortragreihe


August-September 2017 im EPH

"Gemeinsam zum Geschenk"

Ferienspiele 2017 für Grundschulkinder von 6 - 13 Jahre vom 7. - 11. Aug. 2017